Warum Dein Chef gegen Telearbeit ist - und warum er sich irrt

Warum Dein Chef gegen Telearbeit ist - und warum er sich irrt

Das Thema Homeoffice ist im deutschsprachigen Raum noch immer bei vielen Vorgesetzten mit Bedenken und Ängsten verbunden. 

In einer aktuellen Deloitte Studie aus Österreich war in stolzen 90% der befragten IT-Unternehmen Homeoffice erlaubt. Allerdings wird das Homeoffice bei 80% dieser Firmen gar nicht oder nur wenig genutzt. Doch warum ist das so? 

Dies wird verständlich, wenn man berücksichtigt, dass insgesamt 77% genau dieser Unternehmen der Aussage zustimmen, dass die „Anwesenheit ihrer Mitarbeiter im Betrieb von großer Bedeutung” sei. Telearbeit ist also erlaubt, aber nicht erwünscht. Da verwundert es nicht, dass Arbeitnehmer um ihre Karriere fürchten, wenn sie von der Möglichkeit der Telearbeit Gebrauch machen. 

»Präsenz gilt immer noch als Indikator für gute Leistung. Deshalb wird Homeoffice oft nur eingeschränkt genutzt. Es braucht dringend die Etablierung einer Ergebnis- statt einer Anwesenheitskultur.« Barbara Keller (Deloitte)

Werfen wir einen genaueren Blick auf drei der größten Bedenken von Chefs gegenüber Telearbeit und klären, ob sie berechtigt sind. 

»Wenn ich meine Mitarbeiter nicht sehe, arbeiten sie vielleicht gar nicht!«

Wenn Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten, befürchten Manager Kontrollverlust. Doch dies ist ein gefährlicher Trugschluss.

Kein Chef steht acht Stunden am Tag im Büro neben jedem seiner Mitarbeiter, um zu kontrollieren woran und wie er arbeitet. Im Gegenteil: Auch ohne Homeoffice bekommen die meisten Manager von Ihren Mitarbeitern Rückfragen oder Statusberichte primär in elektronischer Form (E-Mail, Team-Chat oder Projektmanagement-Tool) oder in Besprechungsterminen. Auch der Chef selbst wird eher eine kurze E-Mail schreiben oder zum Telefonhörer greifen, statt sich für jede Rückfrage persönlich auf den Weg zum Schreibtisch seines Mitarbeiters zu machen.

Viele Manager führen bereits Remote Teams, ohne es zu wissen. Mitarbeiter die im gegenüberliegenden Gebäudeflügel, auf einer anderen Etage oder an einem anderen Unternehmensstandort arbeiten sind ebenfalls nicht in Rufweite zum Chef. Es ist dabei unerheblich, ob ein Mitarbeiter 20 Meter, 2 Etagen oder 200 Kilometer entfernt arbeitet. Es handelt sich um ein verteiltes Team. 

Hinter den Befürchtungen einiger Manager steckt womöglich die bittere Erkenntnis, dass sie schon jetzt im Büroalltag nicht immer wissen, woran ihre Mitarbeiter eigentlich gerade arbeiten. Nun nicht einmal mehr die körperliche Anwesenheit des Teams kontrollieren zu können, wirkt dann besonders erschreckend. Hier ist die Ursache in Wahrheit die inhaltliche Distanz zwischen Führungskraft und Mitarbeiter und nicht die befürchtete physische Distanz des Homeoffices.

Erfolgreiche Manager müssen verteilte Teams effizient führen. Verteile Teams sind alle Mitarbeiter, die weiter als ein paar Schritte entfernt sitzen. Dazu nutzen Sie neben den richtigen Tools auch eine angepasste Führungsmethodik. Sie verzichten auf Micro-Management und delegieren stattdessen Verantwortung. Sie definieren gemeinsam mit ihren Mitarbeitern zu erreichende Ziele und Ergebnisse. Diese Chefs haben häufige, kurze und sehr fokussierte Abstimmungen mit Ihrem Team und legen großen Wert auf Transparenz zu Fortschritt, möglichen Problemen und nächsten Schritten. Sie erzeugen bei jedem im Team das Gefühl eigenständig Ergebnisse erreichen zu können und gleichzeitig immer Hilfe zu bekommen, wenn sie benötigt wird. 

Über die Methodik zur Führung von Remote Teams werden wir hier im Blog demnächst noch ausführlich berichten. 

»Zuhause arbeiten meine Mitarbeiter niemals so produktiv wie im Büro!«

Arbeiten Menschen im Homeoffice genau so produktiv wie im Büro? Nein, sie arbeiten deutlich produktiver.

Mitarbeiter im Homeoffice sind weniger abgelenkt. Dies hängt damit zusammen, dass die typischen Unterbrechungen des klassischen Büroalltags abnehmen. Dazu gehört die Kollegin, die plötzlich in der Tür steht, um vom Wochenende zu berichten, der Kollege, der ständig mit unbedeutenden Fragen stört, die Google sofort beantwortet hätte, das laute Telefonat der Kollegin gegenüber oder die tägliche „wohin gehen wir heute Mittagessen”-Diskussion. Im Homeoffice entfällt ein Teil dieser Unterbrechungen, die jedes Mal mit geistiger Rüstzeit nach der Unterbrechung verbunden sind, komplett, während andere dosierter stattfinden. Die Unterhaltung über das letzte Wochenende wird zum Ice Breaker zu Beginn der nächsten geplanten Videokonferenz und die Fragen stellt der Kollege im Team Chat, wo sie beantwortet werden können, wenn man den Kopf dafür frei hat.

Den positiven Effekt bestätigt eine Untersuchung von FlexJobs aus den USA: 66% der befragten Arbeitnehmer geben an im Homeoffice produktiver arbeiten zu können. Nur 2% sagten, dass sie im regulären Büro effizienter seien. 

Telearbeiter sind außerdem weniger gestresst. Nach einer Untersuchung des Bundesministeriums für Familie (BMFSFJ) spart jeder Homeoffice Mitarbeiter durchschnittlich 4,4 Stunden Fahrtzeit pro Woche. Dies ist Zeit, die er sonst wartend an Haltestellen, in überfüllten Bussen und Bahnen oder im Auto im Berufsverkehr verbracht hätte. Diese gewonnene Zeit kann nun produktiv genutzt werden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat ermittelt, dass Mitarbeiter im Homeoffice im Schnitt freiwillig 3 Stunden pro Woche mehr arbeiten als ihre Kollegen im Büro. Die Mitarbeiter geben also einen Teil der ersparten Fahrtzeit an das Unternehmen zurück. 

Eine amerikanische Studie, die im Harvard Business Review erschien, konnte belegen, dass Menschen im Homeoffice im Schnitt 13% produktiver arbeiten als im klassischen Büro. Die Studie lief insgesamt über neun Monate. Bemerkenswert ist zudem, dass die Kontrollgruppe, die weiterhin im Büro gearbeitet hat, eine unveränderte Produktivität aufwies, also nicht aufgrund etwaiger Ungleichbehandlung „eifersüchtig” war. 

»Wissensaustausch und Teamwork sinken im Homeoffice auf Null!«

„Aus den Augen, aus dem Sinn“, sagt ein altes Sprichwort. Neben den positiven Effekten für ein ungestörtes Arbeiten des Einzelnen, birgt Telearbeit die Gefahr, aus einem Team eine Gruppe von verteilten Einzelkämpfern zu machen. Wie kann man dies verhindern? 

Gerade bei Zusammenarbeit auf Distanz ist es wichtig, dieser Gefahr durch aktive Maßnahmen entgegenzuwirken. Organisationen – allem voran ihre Führungskräfte – sollten ein stabiles Grundgerüst für die Zusammenarbeit vorgeben (z.B. eine „Team Charta“) und die Teammitglieder zum fachlichen und sozialen Austausch ermutigen.

Erfolgreiche Unternehmen nutzen Gamification, um Austausch und Wissenstransfer zu beflügeln, setzen im Team auf Videokonferenzen statt auf Telefonate, organisieren soziale Events per Webcam (von der Unterhaltung an der virtuellen Kaffemaschine über Team-Building-Aktivitäten bis hin zum Spieleabend per Skype), pflegen eine sinnvolle Dokumentation über Wissen und Erfahrungen und geben den Mitarbeitern die richtigen Tools an die Hand, die sie in der Zusammenarbeit unterstützen. Alles mit dem Ziel die soziale Struktur des Team zu festigen, Zusammenarbeit zu fördern und das Wissen zugänglich zu machen. 

Werden diese und ähnliche Mechanismen richtig genutzt, können Teams sogar noch enger zusammenwachsen, da der Sitzplatz wie im klassischen Büro für die Zusammenarbeit nicht mehr entscheidend ist. 

Über Zusammenarbeit in Remote Teams werden wir hier im Blog demnächst noch ausführlich berichten. 

Fazit: Die Wahl zwischen Mut und Angst 

Telearbeit nicht nur zu dulden, sondern konsequent in die Unternehmens-DNA zu integrieren, bedeutet Veränderung – und Veränderungen fallen den meisten Menschen und Organisationen schwer. Doch in einer Zeit, in der auf dem Arbeitsmarkt immer mehr Firmen den Schritt zu mehr Telearbeit wagen und der fachkundige Wissensarbeiter Mangelware ist, können es sich nur die wenigsten leisten diese Bewegung komplett zu ignorieren.